Akuter Fachkräftemangel – Deutschland braucht Handwerker:innen

Das Handwerk verliert an Reiz und so müssen Privatleute und Generalunternehmende vor allem eins mitbringen: Wartezeit.

Clara Lunow - 07.09.2021
Bauarbeiter Tunnel Fachkraftmangel Deutschland

 

In den vergangenen zwei Jahren konnten die Deutschen bedingt durch die Covid-19-Pandemie kaum verreisen. Stattdessen wendete sich ihr Blick nach Innen und viele renovierten ihre Wohnungen und kauften sich neue Küchen. Handwerker:innen verwiesen nicht nur während der vergangenen eineinhalb Jahre auf Wartezeiten von bis zu sechs Monaten. Jüngst betitelte das Fachmagazin der Reiseindustrie Reise vor 9 einen Beitrag mit Nach dem Lockdown ist vor dem Fachkräftemangel – der Fachkräftemangel war jedoch auch vor der Corona-Krise in vielen Branchen deutlich zu spüren.

Schlüsselqualifikationen für die gesamte Wirtschaft sind betroffen 

Ausschlaggebend für diese Meldung war die neueste Erhebung des Instituts für Wirtschaftsforschung über fehlendes Personal, die es vierteljährlich erstellt: Hier klagen immer mehr Firmen über den Mangel an Fachkräften. Während es im April noch 23,6 Prozent waren, stieg die Zahl im Juli auf 34,6 Prozent – “das war der höchste Wert seit dem zweiten Quartal 2018 und der zweithöchste jemals erreichte Wert”. An dritter Stelle der top fünf am stärksten betroffenen Wirtschaftszweige stehen Architektur- und Ingenieurbüros mit 42,1 Prozent. “Der Anstieg der Fachkräfteknappheit fiel im Bauhauptgewerbe zum Frühjahrsbeginn am stärksten aus: Im April sahen 25,5 Prozent der Betriebe des Bauhauptgewerbes ihre Geschäftstätigkeit durch Fachkräftemangel beeinträchtigt. Im Januar waren es mir 18,2 Prozent noch deutlich weniger.

ifo fachkraftmangel konjunkturumfragen juli 2021

ifo Graphik zu Fachkräftemangel 2018 bis 2021

Neben den auch in den öffentlichen Medien viel diskutierten Branchen der Pflege, Gesundheit und Medizin, sind vor allem die technischen Berufe betroffen, sowie MINT-Fächer (also Mathematik-, Ingenieur-, Naturwissenschaften und Technik), also auch solche, die mit der Digitalisierung und der Bauwirtschaft zusammenhängen. Personal mit Qualifikationen in diesen Bereichen werden beispielsweise für die Verwaltung, in der Wissenschaft, im Einkaufsmanagement oder in geschäftsführenden Positionen gesucht.

Ohne Gegenmaßnahmen bedeutet die aktuelle Lage ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum

Zwar gibt es laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) derzeit keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, allerdings ist der Mangel in einigen Bereichen schon seit einiger Zeit deutlich zu spüren. In der Baubranche und im Handwerk spricht die Behörde von “vereinzelten Engpässen”. Neben den gestiegenen Kosten für Baumaterialien, ist der Mangel an qualifizierten Handwerker:innen eine ernstzunehmende Belastung für die Wirtschaft ebenso wie für Privatmenschen. Um- und Ausbau sowie Renovierungsarbeiten werden nicht nur durch die gestiegenen Materialkosten teurer als geplant, Projekte verzögern sich auch durch das Fehlen der Arbeitskräfte. Finden keine umfangreichen Gegenmaßnahmen statt, bricht das Erwerbspersonenpotenzial bis 2035 laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) um mehr als sieben Millionen Menschen ein. 

Gründe für den Fachkräftemangel: Deutschland wird älter

Die alternde Gesellschaft in Deutschland ist schon seit einigen Jahrzehnten immer wieder Thema – in der Öffentlichkeit vor allem dann, wenn es um die Rente geht: Immer weniger Beitragszahlende müssen immer mehr Rentner:innen finanzieren. In den nächsten 30 Jahren wird der Anteil der arbeitenden Bevölkerung in der EU um sieben Prozent sinken. “Die Alterung verstärkt als Teil des demografischen Wandels die Engpässe im Fachkräftebereich. Laut aktuellen Vorausberechnungen wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, also Personen zwischen 20 und unter 65 Jahren, bereits im Jahr 2030 um 3,9 Millionen auf einen Bestand von 45,9 Millionen Menschen sinken. Im Jahr 2060 sind dann schon 10,2 Millionen weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter.”

Akademisierung und fehlende Wertschätzung handwerklicher Berufe

Nicht nur der demografische Wandel trägt zu einem Fachkräftemangel bei, auch die zunehmende Akademisierung verstärkt das Ungleichgewicht. Die Wertschätzung für das Handwerk hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen und immer mehr junge Menschen entscheiden sich für ein Studium. Dabei gilt das Handwerk als vergleichsweise krisensicher, denn viele Betriebe engagieren sich auch in schwierigen Zeiten für ihre Auszubildenden. Auch die Karrierechancen sind gut. Handwerkliche Berufe verbinden Tradition und Innovation und bieten die Möglichkeit sich selbst zu verwirklichen. Es ist wichtig diese Werte und Zukunftsaussichten den Jugendlichen zu vermitteln, um sie für eine Ausbildung zu begeistern.

Tischlerin Jule Rombey Handwerk

Tischlerin Jule Rombey  von dashandwerk.de

Um diese Herangehensweise zu unterstützen, hat die Handwerkskammer eine Imagekampagne gestartet, um “überholte Rollenbilder niederzureißen und mit Klischees aufzuräumen”. Hier werden nicht nur mit einem Karrieremobil Jugendliche über die zahlreichen Karrieremöglichkeiten im Handwerk informiert, auch Botschafter:innen berichten über ihre Beschäftigung und erzählen von ihrem Karriereweg. Einzelne Berufsprofile, Ausbildungsinhalte und Ausbildungsablauf werden vorgestellt; Aufklärung und die Bedeutung dieser Berufe sind wichtige Faktoren, um junge Menschen dafür zu begeistern, denn auch die Energiewende, Digitalisierung und Infrastrukturprojekte lassen sich ohne das Handwerk nicht umsetzen.

Das Startup Cosuno hat sich in diesem Rahmen zur Aufgabe gemacht, das Ausschreibungs- und Vergabemanagement zu digitalisieren. Als cloudbasierte Softwarelösung für die Baubranche werden Ausschreiben automatisiert, höhere Rücklaufquoten erzielt, Informationen übersichtlicher dokumentiert und die Zufriedenheit der Nachunternehmer gesteigert.

Ausschreibungsmanagement digitalisieren

Wie bleiben Auszubildende langfristig als Fachkraft im Betrieb?

Nicht nur die Modernisierung der Akquise von Jugendlichen ist wichtig, die Auszubildenden müssen auch erfolgreich bis zur Prüfung und im Anschluss vor allem langfristig als Fachkraft gehalten werden. Hierzu zählen unter anderem eine wertschätzende und freundliche Kommunikation im Betrieb sowie eine modernisierte und bewusste Unternehmenskultur. Nicht zu unterschätzen sind außerdem die vergangenen eineinhalb Jahre, die von digitalem Unterricht geprägt waren. Vor diesem Hintergrund ist wichtig auf die Jugendlichen zuzugehen und sich an ihre Bedürfnisse anzupassen. Die Generation Thinking Studie der Maas Beratungsgesellschaft 2019 zeigt, dass “ein angenehmes Arbeitsklima sowie ein interessanter Job für die Generation Z (Jugendliche der Jahrgänge 1995 bis 2010) deutlich wichtiger als ein Beruf mit hohem Einkommen” ist. Die Azubi-Recruiting Trends 2021 von U-Form-Testsysteme zeigen darüber hinaus, dass die Jugendlichen deutlich spannendere Arbeitsinhalte erwartet haben, als ihnen im Bewerbungsprozess angeboten wurden.

Weitere Lösungsansätze: Familienfreundlichkeit & gezielte Migration

Maßnahmen gegen Fachkraftmangel

Chart mit sieben Lösungsansätzen für den Fachkräftemangel

Neben der Bildungsoffensive und dem gezielten Employer Branding, gibt es zahlreiche Maßnahmen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dazu zählt, dass Arbeitgebende Anreize schaffen, wie beispielsweise flexible Arbeitszeiten und -orte – Menschen mit Behinderung kann hier entgegen gekommen und der Arbeitsplatz dementsprechend angepasst werden. Ungewollt in Teilzeit arbeitende Frauen könnten unterstützt werden, indem im betrieblichen Rahmen eine Kinderbetreuung eingerichtet wird. Auch sollte darauf gesetzt werden, Menschen höheren Alters in den Berufsalltag einzubinden: hier sind vor allem fundiertes Wissen und eine langjährige Berufserfahrung wertvolle Komponenten. Selbstverständlich muss die gezielte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland gefördert werden, wie auch jüngst Detlef Scheele, der Chef der Arbeitsagentur, betonte. Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden braucht es rund 400.000 Zuwandernde pro Jahr, um die Problematik des Fachkräftemangels in Deutschland zu entschärfen. Außerdem müssen Arbeitnehmende besser auf eine digitalisierte Arbeitswelt vorbereitet werden.

Der Fachkräftemangel sowie der demografische Wandel in Deutschland stellt die Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vor eine große Herausforderung. Mit modernem Führungsstil und einer starken Employer Branding können Arbeitgebende den Fachkräftemangel jedoch für sich entscheiden!